58 vor 90

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Erst Musik anmachen, dann lesen:

http://vimeo.com/30238440
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Als sie sich am Abend hinsetzte, wußte sie plötzlich, dass sie morgens alleine aufwachen würde. Sie fasste sich ans Herz und schüttelte innerlich den Kopf. Auf keinen Fall. Auf keinen Fall. Wieso kommen solche Gewissheiten manchmal, schreckliches Wissen, tiefe Ängste, als seien sie wahr. Als würde es doch etwas geben, zwischen dem Erklärbaren und dem da oben. Schicksal, Vorahnung, Erleuchtung, Spuk. Sie hasste das. Jeder musste das hassen. Diese Blitze, das schnelle harte Grauen, das Wissen nach dem Gefühl, dass es so nicht ist, aber sein könnte, diese Scheiß Eigenen Ängste, die sich formieren. Sie schob die Gedanken beiseite und schüttelte den Kopf, nahm die Bewegungen des inneren Kopfschüttelns auf und schüttelte hart den Kopf. Nein, was soll das. So ein Quatsch! Beim Einschlafen dachte sie fest an den Apfelkuchen, den sie morgen backen wollte, was sie erledigen musste, war noch Backpulver da? Das Dunkle, was sich anschlich, drängte sie an den Rand ihres Bewusstseins, drückte es über den Rand, geh weg, geh weg. Vanillezucker war da – wieviel Milch noch, Milch, Milch, Milch, Milch! Weg, weg, geh weg! Scheiß Ängste! , Bewusstsein fokussieren, Milch, Milchpulver, Laktat, Laktose, Kuh, Kuhmilch, Fokus, Fokus, ich beherrsche meine Gedanken, weg, weg! Nein, ich sehe nichts, nein, ich höre nichts, will nicht! Fokus, verdammt, was Angenehmes im Zentrum, schnell! Frischer Apfelkuchen, der Duft, einatmen, ausatmen, einatmen ausatmen.

Am Morgen erwachte sie. Er schlief noch. Sie nahm vorsichtig seine Hand, wärmte ihre kalten Finger an seinen warmen, sah ihn von der Seite an. Die Haare, die aus seinen Ohren krochen. Das schüttere Haar. Die große Nase.  Sie lag auf der Seite, betrachtete ihn. Dachte nicht. Fühlte, wie ihre Auge sich füllten, sich eine Träne löste, über die Nase ins Kissen lief. Zentimeter für Zentimeter erfüllte wildes Gefühl ihr Inneres, der Körper so ruhig, darin die Wogen, die Flut, das Aufsteigen, Wirbeln. Der Kopf so leer, die Augenhöhlen wie Fenster, (ein leiser Gedanke im Unterbewusstsein, ist Sehen geistige Aktivität? sonst nichts), der Körper ein Kübel, der Kopf so leer,  alles dunkel, von unten das Steigen,  die Furcht, der Abgrund, die Enge, das Wirbeln, es dehnt sich aus. Nicht denken, nur Sein. Die Tränen so heiß! Herzschläge, bumm. bumm. bumm. Daliegen, Fühlen, das Ich so klein in ihr. bumm. bumm. bumm. Aus dem Nichts steigen Wörter auf, formen sich im Zentrum, so präsent, verdammt, nein, wo ist der Schwebezustand? Millisekunden, die Maschine ist an, scharf gezeichnet die Wörter: Nein, ich will nicht, ich will nicht, ich kann nicht, – so schnell die Sätze! – kann nicht mehr. Ich muß aber! Nein, ich will ja auch, um Gottes willen ja, ich will ja auch. Aber die Knie, der Rücken, der Arm, alles alt, gebrechlich, schmerzend. Zeitlupentempo, quälende Langsamkeit, zermürbende Dialoge, der nasse Boden im Klo, die Nächte!, das Umziehen, das Kind, die Unselbstständigkeit, die wässrigen Augen, der Blick ins Nichts, der Blick des Kindes: Was willst Du, was soll ich, wo sind wir, das Flehen – Hilfst Du mir mal? Sie wusste, dass sie nicht mehr konnte. Sie drückte seine Hand, weinte lautlos so laut, kein Laut, ganz leise, in ihr das Schreien, das Weinen, die Flut schwappt über ihrem Kopf zusammen, sie drückt den Kopf ins Kissen, 89 Jahre,  so lang, wie lang noch.

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