Der ungezogene Herr Sloterdijk

Oder: Wie ein großer Deutscher sich ad absurdum führt.

Gerade breitet er sich vor mir aus, einer der bekanntesten Intellektuellen unseres Landes: Auf zwei großformatigen Zeitungsseiten öffnet sich Peter Sloterdijk.

„Eine Antwort auf die Kritiker“ schreibt Herr Sloterdijk hier. Vorausgegangen ist ein Schlagabtausch zwischen ihm und anderen, öffentlich bekannten Stimmen. Endlich, so jubelte der Deutschlandfunk dazu am 11.02.2016,  gebe es nun auch einen Streit unter den deutschen Großdenkern und Welterklärern zur Flüchtingspolitik. 
„Die deutsche Regierung hat sich in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben“ und „Das Wort „Lügenpresse“ setzt mehr Harmlosigkeit voraus, als es in diesem Metier gibt“ – so sinniert Sloterdijk im Ausgangstext.
Wuchtige Äußerungen eines anerkannten deutschen Philosophen, die nicht ohne Echo verhallten. Mit markanten Sätzen dieser Art macht man sich schnell Freunde – und Feinde. Entsprechend brach zum Sloterdijk-Interview ein Tumult los. Zustimmung war zu hören; vor allem aber Irritation und Kritik: Als „der wahre Hausphilosoph der AfD“ wird er hier benannt, einen „gravierenden Mangel an strategischer Reflexität“ unterstellt man ihm dort.

Sloterdijk polarisiert

Fassen wir bis hierhin zusammen: Sloterdijk positioniert sich und polarisiert. Seine tendenziell europaskeptischen, medienkritischen, auf die Interessen Deutschlands fokussierten Thesen machen Furore. Möglicherweise erweisen sie sich als richtig. Möglicherweise erweisen sie als falsch. Thesen eben. Diejenigen, die sie für falsch halten, äußern sich dezidiert. Diejenigen, die sie nicht nur für falsch, sondern im aktuellen Klima der Bundesrepublik auch für brandgefährlich halten, nehmen kein Blatt vor den Mund.

Soweit, so gut. Streitkultur also at its best. Sloterdijk könnte sich freuen.

Denn gerade er vermisst eine stark ausgeprägte Diskussionskultur; es gruselt ihn regelrecht angesichts des Duktus aktueller Kontroversen, lässt er uns wissen: „Anstelle von Streitkultur“ diagnostiziert Sloterdijk in seinem neusten Buch, sei „eine Hetzkultur, eine Denunziationskultur, eine Herabsetzungskultur“ bei uns zu finden, in der „die Dinge vorentschieden sind, bevor sie ihre Strittigkeit entfaltet haben.“

Im Geiste klopfe ich Sloterdijk auf die Schulter – recht hat er! Gespannt bin ich nun auf die Art und Weise, wie er mit seinen Kritikern umgehen wird – der große Philosoph, der Beherrscher einer Diszplin, die für Diskurs und Ratio steht.

Ich nehme seine  Ausführungen unparteiisch und unbedarft, mit Neugier und Interesse zur Kenntnis. Ich lehne mich erstaunt zurück. Ich atme durch.  Denn: „Selbst diejenigen, die sich selbst als Intellektuelle wertschätzen, tun sich schwer!“, flüstert Sloterdijk mir nachdrücklich zu, während er vor nun mir auf dem Tisch liegt. In epischer Länge wendet er hier an seine Kritiker und offenbart: Der souveräne und reflektierte Umgang mit Kritik ist –ganz offenkundig- kein verlässliches Wesensmerkmal eines Intellektuellen.

Der große Gegenschlag

Denn was tut Sloterdijk in seiner Replik? Sloterdijk, der sich eine engagierte und sachbezogene Streitkultur herbeisehnt.  Er weint. Nein, Späßchen. Er motzt. Er ist schockiert. Er fühlt sich missverstanden. Und holt zum großen Gegenschlag aus.

Großflächig beschriftet er eine Schublade mit „Historiker, Politologen, Soziologen“ und klebt ein Etikett dazu: „Werden im Allgemeinen durch Neigung zum Einknicken vor der Faktizität dominiert. Leben auf, sobald sich größere Krisen abzeichnen: Fühlen sich dann weniger ungebraucht.“   An den Knauf der Schublade bindet er ein Achtung-Schild: „Wo der gute Wille zu Theorie aufkommt, erkennt man ihn an dem methodischen Amoralismus, der fordert, vitale Interessen und lokale Befangenheiten für die Dauer der Untersuchung einzuklammern!“ (Ich denke: Ein interessantes Mittel der Verteidigung -Die a priori-Diffamierung ganzer Berufsgruppen.)

Anschließend schlägt er vor, zu vergessen, „was die meisten ohnehin nicht wussten: dass Pawlow einer der größten Tierquäler der Menschheitsgeschichte war“ und uns dennoch mit den Pawlowschen Reflexen zu beschäftigen, an die er sich erinnert fühlt. „Sonderfälle Höherer Reflexologie“ schreibt er hernach sorgfältig mit Edding auf die Schublade der „Historiker, Politologen, Soziologen“, öffnet sie dann mit einer schnellen Bewegung und legt schnell noch alle ihm bekannten Kulturtheoretiker, Strategen und Semiotiker hinein.  (Ich stelle fest: Eine spannende Ergänzung, die jede potenzielle Reaktion möglicher Kritiker nicht nur unter Generalverdacht stellt, sondern per se als minderwertig brandmarkt.)

Das Drama des Kulturverlustes

Er lehnt sich zurück und lässt seine Augen über sein Arrangement gleiten, benennt es dann knackig: „Drama eines Kulturverlustes“. Übt sich im Katzenjammer angesichts der dargestellten Disziplinlosigkeit seiner Kritiker: „Zurückhaltung statt bedingter Reflexe“ stelle doch „den Basishabitus von höherer Kultur in genere dar!“ (Ich sehe: Das Gerieren als Sittenwächter, als Kulturwart, verschafft besonderen Respekt.)

Das Bild des Pawlowschen Hundes gefällt ihm, regt zu weiteren Assoziationsketten an: „Bei manchen semantischen Stimuli wie „Grenze“, „Zuwanderung“ oder „Integration“ ist die Futterverwertung des erfolgreichen Kulturteilnehmers so fest fixiert, dass der Saft sofort einschießt.“
Sodann zeigt sich Sloderdijks Weltbild: „Solange auf Foren genäßt wird, darf man vermuten, die Absonderungen blieben harmlos. Pawlows Hund hat ja nie jemanden gebissen…“. (Ich staune: Die Auswirkung des Pawlowschen Reflexes in „Foren“ und somit beim Wahlvolk setzten bei den aktuellen Landtagswahlen ein Ausrufezeichen – und hinter die Sloterdijksche weltfremde Verharmlosung ein Fragezeichen.)

Doch allein bei der Speichelfluß-These möchte er es ohnehin nicht belassen: Eindeutig seien doch allenthalben zudem „vorkulturelle Reflexe“ zu erkennen! „Sie äußern sich in primärer Beißwut, in Abweichungshass und Denunziationsbereitschaft“.  (Eine äußerst steile These, mit der Slotderdijk seine angezettelte Diffamierung konsequent und gleichzeitig subtil weitertreibt, wirft er ihr doch das Deckmäntelchen einer ganz allgemein gültigen Feststellung über.)

Die sogenannte „Hochkultur“ überlebe jedoch nur, so Sloterdijk weiter, indem „Einbrüche aus dem Barbarischen“ in Schach gehalten werden. Gut also, dass Sloterdijk da ist, Sloterdijk der nun feststellt, dass sich ein „Intellektueller in einer Situation wie der heutigen als solcher nur betätigen und bestätigen kann“, wenn er es mit Spinoza hält: „Nicht lachen, nicht Trübsal blasen, nicht verachten, sondern Einsicht üben.“ Nichts sei in diesen überhitzten Zeiten so „ratsam und heilsam wie der Wille der Rückkehr zum intellegere „– was bekannt so viel heiße, wie „lesen in Zwischenräumen“.

Das Ass im Ärmel: Alle Gegner wurden disqualifiziert

Im anschließenden großen Showdown nun führt er seine Rede umstandslos ad absurdum: Er packt seine Gegner in einen Sack. Schreibt darauf „Politisierte Intellektuelle“. Stellt fest, dass diese Unseligen  „Nuancenvernichtung“ – eine „besondere Variante des Lügens“ –  betrieben. Dass sie dazu „Ideen umzingeln wie  Frauen in Silvesternächten“. 
Und zückt abschließend sein von langer Hand vobereitetes Ass im Ärmel: Kritik an ihm? Ganz „offenkundig ein Fall von Reflex-Polemik im Gewächshaus der diskutierenden Klasse.“ (Ich bin konsterniert. Alle Gegner wurden in einem ebenso simplen wie bigotten Akt der Disqualifikation aus dem Rennen geräumt. Ist das ein perfider Fall von Realsatire?)

Weit mehr als die Hälfte seines Textes hat Sloterdijk bis hierhin verwendet, in überwiegend herablassendem, altväterlichem Grundton. Nun lehnt er sich beruhigt zurück, alles ist klar, alles ist sauber geordnet – die Kritiker liegen am Boden. Er klopft sich die Hände ab: Puh, viel geschafft bis hierhin.

Schließlich und endlich wendet sich Sloterdijk in seinem Artikel dann doch noch inhatlichen Kritikpunkten zu, will „ein kurzes Wort anfügen zur Polemik von Herfried Münkler“, einem seiner Kritiker. Mit ihm allein also möchte er reden. Warum? Die hinreichende Begründung: „Der Fall hat eine aparte Seite, da Münkler kein kleiner Kläffer ist, wie ein Philosophie-Journalist aus der Narren-Hochburg Köln, der offensichtlich immer noch nicht weiß, wer und wie viele er ist“. (…Ich verstumme angesichts dieser bestechenden Begründung.)

Es kann nicht wahr sein

Münkler also, den man noch ernstnehmen kann. Er habe sich doch als „Autor von Statur“ erwiesen – umso erstaunlicher sei seine „Fehllektüre-Leistung“, die dieser mit seiner Kritik an Sloterdijk zum Besten gegeben habe. Münkler also, der ihn ganz gewiss nicht zufällig falsch verstanden, sondern absichtlich falsch gelesen habe. (Ohnehin kämen unter Intellektuellen, so Sloterdijk, keine „Missverständnisse“ vor, anders als „bei den Naiven“.) (Sieh an!, notiere ich mental.)

Münkler also, der „offensichtlich gern als Mitwisser an der Spitze es deutschen Staatswesens waltenden strategischen Vernunft hervortreten möchte“. Münkler also, den Sloterdijk noch einmal kurz zu belehren bereit ist:  Über seine „linkskonservative Sorge“, seine Kritik an der Kanzlerin, seine Abneigung gegen Strategien. Und Münkler? Nun: „Herr Münkler sollte die Gelegenheit nutzen, seine okkasionellen Ungezogenheiten zu überdenken“ doziert Sloterdijk abschließend.

Nach getaner Arbeit setzt Slotderdijk  sich aufrecht hin und schaut zufrieden in den Spiegel. Er sieht: Einen „nachdenklicher Staatsbürger der BRD, ausgestattet mit kritischen Impulsen klassisch europäischer Prägung, doch ohne mephistophelische Ambitionen“.  Er blickt um sich herum, auf die fest verschlossenen Schubladen vor ihm, atmet durch und schließt seinen Text mit einem großen Seufzer: „Es kann nicht wahr sein, dass ausgerechnet unter Intellektuellen die unbedingten Reflexe gegenüber den bedingten die Oberhand gewinnen.“

Ich seufze mit ihm.

 

Foto: Rainer Lück http://1RL.deOwn work

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