Brüllende Menschen

Ich finde es höchst befremdlich, auf einem weichen Sofa in einem warmen Raum zu sitzen, neben mir ein Stück Kuchen und eine Tasse Tee, auf dem Laptop vor mir ein Mob von Menschen, die mit verzerrten Gesichtern einen Bus anbrüllen.

Denn diese Szene ist kein Gruselfilm. Denn diese Menschen scheinen weder körperlich noch geistig krank. Denn dieser Bus ist nicht nur ein Bus – sondern in diesem Moment das einzige Schutzschild für die Menschen, die darin sitzen.
Menschen brüllen Menschen an – die sie nicht kennen, die sie nicht kennen möchten. Es könnte eine Szene aus einem Horror-Streifen sein. Eine Szene, die Gänsehaut bereitet, weil man weiß, dass sie in jedem Moment kippen kann, weil man spürt, dass der Höhepunkt noch nicht erreicht ist, weil man gelernt hat, dass brüllende Menschen in Gruppen eher Steine und Messer in die Hand nehmen, als sich gegenseitig in den Arm.

Wobei das schön wäre, glaube ich. Sie könnten es wohl brauchen. Denn sie brüllen nicht, weil es ihnen gut geht. Sonst wären sie nicht hier. Es geht ihnen schlecht. Ist es Hass, der in diesen verzerrten Gesichtern steht? Auf wen? Auf was gerichtet? Auf das, was sie nicht kennen? Treibt sie eine wilde Angst? Doch vor wem? Vor was? Oder ist es gestaute Frustration – über das eigene Leben, die geplatzen Träume – die sich hier bahnbricht?
Niemand sieht hinter die Stirn des Mobs – die große kollektive, die in hässliche Falten geworfen ist – und in die Köpfe der alten und jungen, männlichen und weiblichen Brüllenden. Jeder Einzelne von ihnen hat sein Päckchen zu tragen, sicherlich. Und weder der Hass, noch die Angst, noch die Frustration machen die Teile des brüllenden Mobs zu schlechteren Menschen. Denn Liebe und Hass, Hoffnung und Angst, Befriedigung und Frustration – das ist in uns allen. Aber wir Menschen sind mehr als unsere Gefühle. Wir haben einen Verstand und wir haben die Fähigkeit, mehr zu sehen, als nur uns selbst. Wir können sprechen, um Probleme zu lösen – und leben in Deutschland in einer Demokratie, die es uns ermöglicht, mitzuentscheiden. Wir müssen nicht brüllen.

Wir müssen uns Gehör verschaffen, oh ja. Wir müssen sagen, was schief läuft. Wir müssen Lösungen suchen, auch wenn es anstrengend ist. Wir müssen Kompromisse schließen, weil es nicht besser geht. Wir müssen anpacken, wo es Not tut – in jeder Hinsicht. Aber: Wir müssen nicht brüllen. Wir dürfen es auch nicht. 
Wer Teil eines brüllenden Mobs vor einem Bus mit Menschen ist, wer vor brennenden Häusern steht und klatscht, wer Fackeln anzündet und von Schießbefehlen auf Schutzsuchende spricht – der hat einen wichtigen Teil seines Mensch-Seins vergessen.

Was immer diese Menschen antreibt: Es treibt sie in eine Sackgasse. Der Bus lässt sich nicht wegbrüllen. Die Herausforderungen lassen sich nicht wegbrüllen. Es wird nichts besser. Im Gegenteil: Der einzelne, brüllende Mensch schreit sich selbst ins Aus. Man sieht das Liebenswerte nicht in ihm, er kehrt das Armselige heraus. Er möchte gehört werden: Nicht als Ja-Sager, sondern als einer, der Nein sagt. Man hört ihn brüllen, sein lautes Nein, das sich gegen die Gleichheit von Menschen richtet, gegen die Würde des Einzelnen, gegen Dialog und Respekt, gegen Menschen, die er nicht kennt. Sein lautes Nein, das sich gegen ihn selbst richtet und demaskiert: Als einen Menschen, der seine Menschlichkeit negiert. Der vergessen hat, dass Mensch-Sein nicht nur Ich-Gefühl ist – sondern auch die Fähigkeit, mitzufühlen, mitzudenken, mitzuarbeiten. Ganz offensichtlich: Wir sehen einen klatschenden oder brüllenden Menschen, dem es gerade nicht gelingt, ein besserer Mensch zu sein.

… Ich finde es höchst befremdlich. Ich finde es abgrundtief schrecklich.

 

 

Foto: Screenshot aus Youtube Video

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s